Know Your Agent · Referenzstück 5.6 · Querschnitt
Deterministisch außen, adaptiv innen: Die Orchestrierungsklasse, die die Agentendebatte übersieht
Während die Agentenszene ihre Kontrollarchitektur neu erfindet – Zustände, Wiederaufsetzpunkte, Freigaben, Protokolle –, existiert genau diese Architektur in regulierten Häusern seit zwei Jahrzehnten: als standardisierte, herstellerportable und menschenlesbare Notation. Die interessantere Bewegung des Jahres 2026 ist nicht, dass Agenten Prozesse übernehmen. Sie ist, dass Prozessmaschinen Agenten einhegen.
Abgrenzung. Referenzstück 5.3 behandelt die Laufzeitschicht sprachmodellbasierter Agenten – Graphen, Rollen, Gruppenchats, Werkzeugprotokolle. Dieses Stück behandelt die zweite Orchestrierungsklasse: Prozess- und Entscheidungsmaschinen, die den größten Teil der in Fundamentstück 0.1 beschriebenen Agentenklassen seit Jahren produktiv steuern.
Wer in einer Bank fragt, wo automatisierte Entscheidungen orchestriert werden, bekommt selten den Namen eines Agentenframeworks zu hören. Er bekommt den Namen einer Prozessmaschine – oder den einer Entscheidungsplattform. Diese Systeme führen Onboarding-Strecken, Kreditanträge, Schadenfälle, Beschwerdevorgänge und Verdachtsfallbearbeitung. Sie sind die Ausführungsschicht des regulierten Betriebs, und sie tauchen in der Agentendebatte fast nicht auf.
Befund 01Was die Prozesswelt bereits gelöst hatte
Die Prozessorchestrierung hat drei Dinge, um die Agentenframeworks derzeit ringen: eine standardisierte Notation, eine Trennung von Ablauf und Entscheidung, und eine menschenlesbare Darstellung, die zugleich ausführbar ist.
| Baustein | Was er leistet | Warum er aufsichtlich zählt |
|---|---|---|
| BPMN – Prozessmodell | Beschreibt den Ablauf als ausführbares Diagramm: Aufgaben, Verzweigungen, Ereignisse, Fehlerpfade, Kompensation. | Der Soll-Ablauf ist dokumentiert, bevor er läuft. Fachbereich, Revision und Aufsicht lesen dieselbe Darstellung wie die Maschine. |
| DMN – Entscheidungsmodell | Trennt die Entscheidung vom Ablauf: Entscheidungstabellen mit Eingangsgrößen, Regeln und Ergebnis. | Jede Entscheidung ist auf eine benannte, versionierte Regel zurückführbar – das stärkste verfügbare Beweismittel. |
| CMMN – Fallmodell | Bildet Vorgänge ab, deren Reihenfolge nicht vorab feststeht, aber deren zulässige Handlungen definiert sind. | Passt auf Verdachtsfallbearbeitung und Beschwerden: nicht determiniert, aber begrenzt. |
| Job Worker | Externe Arbeitseinheit, die eine Aufgabe aus dem Prozess übernimmt und ein Ergebnis zurückmeldet. | Die Anbindung ist eine definierte Schnittstelle mit Zeitgrenze und Wiederholungslogik, kein freier Aufruf. |
| Human Task | Modellierter Halt für eine menschliche Bearbeitung oder Freigabe, mit Zuständigkeit und Wiedervorlage. | Human-in-the-Loop ist Bestandteil des Modells, nicht eine nachträglich eingebaute Bremse. |
| Decisioning-Plattform | Kombiniert Regeln mit prädiktiven und adaptiven Modellen zu einer Entscheidung in Echtzeit. | Bringt Modellgüte und Regelwerk unter eine gemeinsame Freigabe- und Erklärbarkeitslogik. |
| RPA | Führt Schritte auf Oberflächen und Schnittstellen aus, wo keine Programmierschnittstelle existiert. | Überbrückt Altsysteme – und ist zugleich die brüchigste Stelle der Kette. |
Der entscheidende Unterschied zu Agentenframeworks liegt im zweiten Punkt der Tabelle. Die Trennung von Ablauf und Entscheidung ist keine Stilfrage, sondern eine Kontrollarchitektur: Sie erlaubt, eine Entscheidungsregel zu ändern, ohne den Prozess anzufassen – und sie erlaubt, den Prozess zu prüfen, ohne die Regeln zu lesen. In sprachmodellbasierten Agenten fallen beide Ebenen zusammen, weil der Ablauf aus derselben Entscheidung entsteht, die auch das Ergebnis bestimmt.
Hinzu kommt ein Punkt, der in der Anbieterdiskussion selten benannt wird und für Auslagerungsfragen wesentlich ist: BPMN und DMN sind herstellerübergreifende Standards. Ein Prozessmodell lässt sich zwischen Plattformen bewegen. Eine in einem Agentenframework verdrahtete Ablauflogik lässt sich das nicht – sie ist Code gegen eine Bibliothek.
Befund 02Die Konvergenz von 2026
Beide Welten bewegen sich aufeinander zu, und zwar asymmetrisch: Die Prozessmaschinen haben die Agenten schneller aufgenommen als umgekehrt.
Camunda hat seine Plattform in mehreren Schritten auf agentische Orchestrierung erweitert – zunächst 2025, mit einer weiteren Ausbaustufe im April 2026. Die technische Umsetzung ist bemerkenswert, weil sie keine neue Kategorie erfindet: Ein Agent wird als BPMN-Teilprozess ohne feste Schrittfolge modelliert. Innerhalb dieses Rahmens darf das Modell selbst entscheiden, welche Werkzeuge es in welcher Reihenfolge aufruft; außerhalb greift die reguläre Prozesslogik mit Ereignissen, die den Agenten unterbrechen oder umleiten können. Die Formel, mit der der Hersteller das beschreibt, ist zugleich die präziseste Beschreibung des Bauprinzips: deterministische Kontrolle auf der Makroebene, adaptives Verhalten auf der Mikroebene.
Pega hat im Juni 2026 eine agentische Oberfläche für seine Entscheidungsplattform vorgestellt, die eigene und fremde Agenten in einem gemeinsamen, verwalteten Arbeitsbereich zusammenführt. Der Ansatz ist derselbe: nicht der Agent bekommt eine Governance-Schicht angebaut, sondern die bestehende Governance-Schicht bekommt einen Platz für Agenten.
Die Agentenframeworks bauen Kontrolle in ein Laufzeitsystem ein. Die Prozessmaschinen bauen ein Laufzeitsystem in eine bestehende Kontrolle ein. Für regulierte Häuser ist die zweite Richtung die anschlussfähigere.
Befund 03Wo der eingehegte Agent tatsächlich hilft
Das Muster „deterministisch außen, adaptiv innen“ löst drei Probleme, an denen freilaufende Agenten scheitern.
Die Abbruchfrage. Ein als Prozessschritt modellierter Agent hat von Haus aus eine Zeitgrenze, eine Fehlerbehandlung und einen definierten Zustand, in den der Vorgang fällt, wenn er scheitert. Er kann nicht endlos schleifen, weil der umgebende Prozess das nicht zulässt.
Die Freigabefrage. Ein modellierter menschlicher Bearbeitungsschritt ist Bestandteil des Ablaufs, mit Zuständigkeit, Vertretung und Wiedervorlage. Die verbreitete Praxis, Human-in-the-Loop als Bestätigungsdialog in der Agentenoberfläche zu bauen, erzeugt dagegen eine Freigabe ohne Zuständigkeitsverwaltung.
Die Beweisfrage. Der Prozesszustand wird ohnehin protokolliert. Ein Agent, der als Schritt in diesem Prozess läuft, erbt diese Protokollierung – wann er startete, mit welchem Auftrag, mit welchem Ergebnis, was danach geschah. Das ist noch kein fachliches Entscheidungsprotokoll, aber es ist die Hälfte davon, und sie entsteht ohne Zusatzarbeit.
Befund 04RPA: die brüchigste Schicht
Ein eigener Absatz für die Klasse, die in Bestandsarchitekturen am weitesten verbreitet und am schlechtesten dokumentiert ist. RPA führt Schritte auf Benutzeroberflächen aus, weil eine Schnittstelle fehlt. Das ist pragmatisch und in gewachsenen Landschaften oft alternativlos.
Es hat aber zwei Eigenschaften, die aufsichtlich relevant sind. Erstens hat ein RPA-Ablauf keine fachliche Semantik: Er weiß nicht, dass er eine Kundenadresse überträgt, sondern nur, in welches Feld er tippt. Was er tat, lässt sich rekonstruieren; warum es fachlich richtig war, nicht. Zweitens bricht er still. Ändert sich eine Oberfläche, schlägt der Ablauf fehl oder – schlimmer – trägt Daten an falscher Stelle ein, ohne dass eine Prüfung anschlägt.
Für die Enzyklopädie folgt daraus, dass RPA-Anteile in Branchenartikeln eigens ausgewiesen werden. Eine Prozesskette, die zu großen Teilen über Oberflächenautomation läuft, hat ein anderes Risikoprofil als eine, die über Schnittstellen läuft – auch wenn beide im Organigramm gleich aussehen.
Befund 05Was die Prozesswelt nicht löst
Die bisherige Argumentation liest sich zugunsten der etablierten Klasse. Der Vollständigkeit halber gehört die Gegenrechnung dazu, und sie ist ernst.
Eine Entscheidungstabelle ist prüfbar. Ob sie noch richtig ist, sagt ihre Prüfbarkeit nicht. Genau hier liegt der Befund aus dem Fundamentstück: Die regelbasierte Transaktionsüberwachung ist vollständig erklärbar und liegt trotzdem überwiegend falsch. Regelwerke wachsen über Jahre, Schwellenwerte werden nachjustiert, niemand entfernt Regeln, weil das Entfernen begründungspflichtig ist und das Belassen nicht. Das Ergebnis ist ein prüfbares System, dessen Prüfbarkeit niemandem mehr nützt, weil es zu viele Regeln enthält, als dass jemand ihre Gesamtwirkung überblicken könnte.
Die zweite Schwäche ist die Änderungsgeschwindigkeit. Ein modellierter Prozess ist dort stark, wo der Ablauf stabil ist. Wo sich Anforderungen wöchentlich ändern, wird die Stärke zur Last, und Fachbereiche weichen auf Werkzeuge aus, die niemand modelliert hat – Tabellenkalkulationen, Skripte, inzwischen Agenten. Der Kontrollverlust entsteht dann nicht im Prozess, sondern daneben.
Kontrollpunkt
Die Anschlussfrage: Agent Registry und Agentenkommunikation
Sobald Agenten in Prozessen laufen und untereinander Aufgaben übergeben, entsteht dieselbe Frage wie bei jedem verteilten System – nur mit schwächeren Antworten:
- ein Verzeichnis, welche Agenten überhaupt existieren, wer sie betreibt und was sie dürfen
- ein Identitätsbegriff: Unter wessen Berechtigung handelt ein Agent, wenn er einen anderen beauftragt?
- eine Protokollierung über Systemgrenzen, die eine Kette von Übergaben zu einem Vorgang zusammenführt
- eine Abgrenzung der Protokolle: Werkzeugzugang und Agentenkommunikation sind verschiedene Ebenen mit verschiedenen Angriffsflächen
Die Prozessmaschine beantwortet die dritte Frage von Haus aus, weil sie den Vorgang führt. Die erste und zweite beantwortet sie nicht. Ein Agentenverzeichnis mit Betreiber, Berechtigung und Kontrollinhaber ist derzeit in kaum einem Haus vorhanden – und es ist die Voraussetzung dafür, die Kernfrage dieses Dossiers überhaupt beantworten zu können.
Watchdog-WinkelWo die Kontrolle in regulierten Häusern wirklich sitzt
Für die Kartierung der Branchen ergibt sich daraus eine Arbeitsanweisung. Wer in einer Bank, einer Versicherung oder einer Behörde nach Agenten sucht und nur nach Sprachmodellen fragt, findet die Pilotprojekte und übersieht den Produktivbetrieb. Die Frage, die tatsächlich Auskunft gibt, lautet nicht „Setzen Sie KI-Agenten ein?“, sondern: Welche Systeme treffen in Ihren Prozessen Entscheidungen ohne menschlichen Einzelanstoß – und welche Notation beschreibt sie?
Die zweite Beobachtung betrifft die Richtung der Integration. Ein Haus, das seine Agenten in die bestehende Prozess- und Entscheidungsarchitektur einhängt, erbt Zustandsführung, Freigabelogik, Zuständigkeiten und Protokollierung. Ein Haus, das eine zweite Ausführungsschicht neben der bestehenden aufbaut, muss all das ein zweites Mal bauen – und wird es, wie die Erfahrung mit RPA zeigt, nicht vollständig tun.
Fünf Prüffragen an die Ausführungsschicht
- Welche Notation? Ist der Ablauf in einem herstellerübergreifenden Standard modelliert oder in Bibliothekscode verdrahtet?
- Sind Ablauf und Entscheidung getrennt? Lässt sich eine Entscheidungsregel ändern, ohne den Prozess anzufassen?
- Läuft der Agent im Prozess oder daneben? Erbt er Zeitgrenze, Fehlerpfad, Zustand und Protokoll – oder braucht er all das eigens?
- Wie hoch ist der Oberflächenanteil? Welcher Teil der Kette läuft über RPA statt über Schnittstellen, und was passiert dort bei stillem Fehlschlag?
- Wer prüft das Regelwerk auf Gesamtwirkung? Nicht: Ist jede Regel dokumentiert – sondern: Weiß jemand, was alle Regeln zusammen bewirken?
Quellen und Beleglage
- Object Management Group – Spezifikationen zu BPMN, DMN und CMMN als herstellerübergreifende Standards für Prozess-, Entscheidungs- und Fallmodellierung.
- Camunda, Camunda 8.9: Your Fastest Path to Agentic Orchestration (April 2026) und Camunda, Agentic Orchestration for the Enterprise (2025) – Modellierung von Agenten als BPMN-Teilprozess ohne feste Schrittfolge, Unterbrechung über Ereignisse, Formel „deterministische Makro-Kontrolle, adaptive Mikro-Entscheidung“. Anbieterquelle; die technische Umsetzung ist dokumentiert, die Wirksamkeitsaussagen sind Marketingaussagen.
- diginomica, BPMN is getting an agentic AI refresh – unabhängige Einordnung der Konvergenz von Prozessnotation und Agentenlaufzeit.
- Pega, Pressemitteilung zur Einführung des Customer Engagement Studio (Juni 2026) – Zusammenführung eigener und fremder Agenten in einem verwalteten Arbeitsbereich der Entscheidungsplattform. Anbieterquelle.
- Einordnungen zu RPA, zu den Grenzen wachsender Regelwerke und zur Frage des Agentenverzeichnisses sind redaktionelle Bewertungen dieses Dossiers auf Grundlage der beschriebenen Verfahrenseigenschaften.
- Fehlalarmquoten regelbasierter Überwachungssysteme und ihre Beleglage: siehe Fundamentstück 0.1 dieses Dossiers.
Referenzstück 5.6 aus dem Dossier Know Your Agent: Die Enzyklopädie der KI-Agenten · Gegenstück: Die Orchestrierungsschicht sprachmodellbasierter Agenten · Stand 25. Juli 2026











