Pontes: Die offene Haftungsfrage
Wie die geplante DLT-Infrastruktur technische Kontrolle verspricht, aber Governance, Smart Contracts und Haftung nicht automatisch zusammenführt.
Pontes – Die offene Haftungsfrage
Hinweis: Pontes ist der offizielle Name der DLT-Infrastruktur des Eurosystems, bestätigt von EZB-Direktor Piero Cipollone am 24. März 2026.
Die EZB baut eine Brücke. Sie heißt Pontes – ein Name, der Programme und Brücken gleichermaßen bedeutet. Die EZB hat sie so genannt, und damit ist sie real.
Doch diese Brücke beantwortet nicht automatisch die regulatorische Frage. Sie führt in den Raum zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was rechtlich kontrollierbar bleibt. Dieser Raum ist relevant, weil er Governance-Fragen enthält, die nicht durch die Wahl einer DLT-Infrastruktur verschwinden.
Pontes – die Distributed-Ledger-Technology (DLT), die das Eurosystem plant – soll die technische Grundlage für den digitalen Euro liefern. Die EZB hat die „Preparation Phase“ des Digital-Euro-Projekts im Oktober 2023 gestartet. Im November 2025 hat der EZB-Rat beschlossen, in die nächste Phase überzugehen. Wann genau eine DLT-Infrastruktur live geht, ist unbekannt. Doch hinter der technischen Eleganz verbirgt sich eine fundamentale Schwäche: Die Brücke verbindet zwei Ufer, die nicht existieren. Ein Ufer heißt Privatsphäre. Das andere heißt Kontrolle. Und in der Mitte schwimmt die Haftung – bei den Banken, nicht bei der EZB.
§ 01 – Was Pontes verspricht
Pontes ist mehr als eine Blockchain. Sie ist die technische Antwort der EZB auf ein selbst gewähltes Dilemma: Wie kann eine digitale Währung gleichzeitig privat sein und überwachbar?
Die technische Antwort lautet: DLT. Distributed Ledger Technology soll es ermöglichen, Transaktionen pseudonymisiert zu speichern, aber bei Bedarf deanonymisierbar zu machen. Das ist technisch ambitioniert. Es ist auch regulatorisch naiv.
Denn Pontes löst nicht das Problem, wer überwacht, wann überwacht wird, und wer haftet, wenn die Überwachung versagt.
§ 02 – Die Architektur der Zentralisierung
Pontes ist nicht dezentralisiert. Sie ist zentralisiert – nur mit Distributed-Ledger-Technologie.
Das bedeutet: Das Eurosystem kontrolliert die Infrastruktur. Die EZB bestimmt die Regeln. Die Smart Contracts werden von der EZB oder ihren beauftragten Dienstleistern geschrieben. Die Knoten werden von Eurosystem-Institutionen betrieben.
Das ist keine klassische Dezentralisierung. Es ist eine zentral gesteuerte Infrastruktur, die DLT-Komponenten nutzt.
Und genau hier liegt das Problem: Wer kontrolliert die Smart Contracts, kontrolliert die Währung. Wer die Währung kontrolliert, entscheidet, was sichtbar ist und was nicht. Aber die Haftung liegt bei den Banken.
§ 03 – Die Haftungslücke
Die EZB hat klargestellt, dass Pontes kein „Überwachungsinstrument“ ist. Das ist korrekt. Es ist etwas anderes: Ein Instrument, bei dem die Überwachung technisch möglich ist, aber nicht garantiert wird – und bei dem die Banken haften, wenn sie versagt.
Die Haftungslücke ist komplexer, als sie aussieht. Art. 37 des Digital-Euro-Verordnungsentwurfs begrenzt die Bankenhaftung auf Funding und Defunding – die Bank haftet für die On-Ramp und Off-Ramp, nicht für die Offline-Transaktionen selbst. Das klingt nach Entlastung. Aber es ist keine.
Denn die Bank haftet nach wie vor für die Ein- und Auszahlungsvorgänge, die sie durchführen muss, ohne die vorherige Offline-Transaktionskette zu sehen. Wer 3.000 Euro in einer Offline-Wallet hat und bei der Bank defunded, hat dieses Geld irgendwo her bekommen – aber die Bank sieht nicht, woher. Sie haftet für den Ausgangspunkt einer Kette, die sie nicht sehen kann. Das ist besser als nichts. Aber es ist nicht genug.
Die Haftungslücke entsteht aus drei Faktoren:
- Technische Komplexität: Smart Contracts können fehlerhaft sein. Wer haftet für einen fehlerhaften Contract, der eine illegale Transaktion nicht erkennt?
- Regulatorische Unklarheit: Die AML-Richtlinien (AMLD5/AMLR) gelten für den digitalen Euro. Aber sie gelten für die Banken, nicht für die EZB.
- Datenzugriff: Die EZB pseudonymisiert. Die PSPs deanonymisieren. Aber nur für Online-Transaktionen. Offline-Transaktionen bleiben unsichtbar.
§ 04 – Der Pilot und seine Grenzen
Der Pontes-Pilot startet in der zweiten Jahreshälfte 2027 und läuft 12 Monate. Ausgewählte Zahlungsdienstleister werden teilnehmen. Die EZB wird „lernen“.
Aber was wird sie lernen? Dass DLT funktioniert? Das ist keine Erkenntnis. Das ist eine Voraussetzung.
Was die EZB nicht lernen wird – weil sie es nicht testen kann – ist, wie kriminelle Akteure die Offline-Funktion missbrauchen. Denn der Pilot wird Offline-Zahlungen nur simulieren, nicht in der realen Welt testen.
Die EZB kann in einem kontrollierten Umfeld testen, wie Pontes funktioniert. Sie kann nicht testen, wie es versagt, wenn jemand es missbraucht.
§ 05 – Die regulatorische Leere
Das Europäische Parlament stimmt im Juni 2026 über die Digital-Euro-Verordnung ab. Der ECON-Ausschuss war im Februar 2026 blockiert – nicht einig. Euronews berichtete am 27. Februar 2026, dass der Berichterstatter Fernando Navarrete Rojas (EVP, Spanien) mit rechtspopulistischen Gruppen eine Minderheitskoalition gebildet hatte, die den Fortschritt blockierte. Erst am 26. März 2026 zog Navarrete Rojas seinen Vorschlag für einen reinen Offline-Euro zurück und ermöglichte so eine politische Einigung.
Die Verordnung definiert:
- Wer den digitalen Euro ausgibt (die EZB)
- Wer ihn verteilt (die PSPs)
- Wer ihn nutzt (die Bürger)
Aber sie definiert nicht klar genug:
- Wer haftet, wenn Pontes versagt
- Wer haftet, wenn ein Smart Contract fehlerhaft ist
Art. 37 des Verordnungsentwurfs begrenzt die Bankenhaftung auf Funding und Defunding. Das ist eine Entlastung auf dem Papier. Aber in der Praxis bleibt die Haftungslücke: Die Bank haftet für den Ausgangspunkt einer Kette, die sie nicht sehen kann. Die Verordnung schafft damit eine Regelung, deren praktische Reichweite noch erklärungsbedürftig bleibt.
§ 06 – Die Alternative: Kontrolliertes Scheitern
Es gibt eine Alternative zu Pontes. Sie ist unpopulär. Aber sie ist ehrlich.
Die Alternative lautet: Der digitale Euro ohne Offline-Modus.
Ein digitaler Euro, der nur online funktioniert, ist überwachbar. Er ist nicht cash-ähnlich. Aber er ist auch nicht cash-anfällig.
Die EZB favorisiert den Offline-Modus, hat aber keinen finalen Beschluss gefasst. Die endgültige Entscheidung über das Design, inklusive des Offline-Modus, liegt beim europäischen Gesetzgeber (Parlament und Rat). Die EZB argumentiert, dass der Offline-Modus notwendig ist für „finanzielle Inklusion“ und „Resilienz“.
Aber die Wahrheit ist: Der Offline-Modus ist politisch. Er ist das Versprechen, das die EZB gibt, um Akzeptanz zu erkaufen. Und er ist das Risiko, das die Banken tragen werden.
§ 07 – Was jetzt zu tun ist
Für Compliance-Officer und IT-Architekten ergeben sich drei Handlungsfelder:
- Technische Due Diligence: Banken müssen verstehen, wie Pontes funktioniert, bevor sie es nutzen. Das bedeutet: Audit der Smart Contracts, Prüfung der Knoten-Infrastruktur, Analyse der Pseudonymisierungsmechanismen.
- Regulatorisches Engagement: Die Gesetzgebung ist in Fluss. Banken müssen sich aktiv einbringen, um Haftungsregelungen für Pontes zu fordern.
- Risikomanagement: Pontes wird fehlerhaft sein. Nicht weil die Technik schlecht ist, sondern weil jede Technik fehlerhaft ist. Banken müssen Modelle entwickeln, wie sie mit diesen Fehlern umgehen.
Quellen:
- Europäische Zentralbank (EZB), „Eurosystem Moving to Next Phase of Digital Euro Project“, Oktober 2023
- Europäische Zentralbank (EZB), FAQs Digitaler Euro, aktualisiert Januar 2025
- Clifford Chance, „What Does the European Commission’s Digital Euro Proposal Mean for the Future of Money“, Juli 2023
- Sopra Steria, „The Digital Euro and the Compliance Paradox“, März 2026 (Autoren: Steven Lenders, Alexandre Sartor)
- Europäisches Parlament, ECON-Ausschuss, Digital-Euro-Bericht, April 2024 (Berichterstatter: Stefan Berger; seit Juni 2024: Fernando Navarrete Rojas)
- Digital Euro Association, Legislative Progress Updates
Hinweis: „Pontes“ ist der offizielle Name der DLT-Infrastruktur des Eurosystems, bestätigt von EZB-Direktor Piero Cipollone am 24. März 2026. Zeitangaben zum Trilog-Verfahren basieren auf prognostischen Annahmen.
Dies ist der dritte Teil eines dreiteiligen Dossiers zum Digitalen Euro. Teil 1 untersuchte das Compliance-Paradox. Teil 2 analysierte den Offline-Modus als potenzielles Instrument für Finanzkriminalität. Dieser Teil beschloss die Analyse der technischen Infrastruktur Pontes und ihrer regulatorischen Grenzen.












