Die Ökonomie der Geldwäschebekämpfung – Episode 03
Warum Banken Risiken oft nicht managen, sondern aus dem System drücken.
Die Rechnung ist einfach
Eine Bank in Europa unterhält eine Korrespondenzbankbeziehung zu einer kleineren Bank in einem Hochrisikomarkt. Die laufende Due Diligence kostet 50.000 bis 500.000 Dollar im Jahr. Die Einnahmen aus der Beziehung liegen bei 10.000 bis 50.000 Dollar.
Wenn Kontrolle das Fünf- bis Zehnfache des Ertrags verschlingt, ist das kein moralisches Dilemma mehr. Es ist eine betriebswirtschaftliche Entscheidung.
De-Risking wirkt nach Vorsicht. In vielen Fällen ist es schlicht Arithmetik. Banken ziehen sich nicht zurück, weil sie Risiken plötzlich genauer verstanden hätten. Sie ziehen sich zurück, weil es billiger ist.
Was De-Risking bedeutet
Die FATF definierte 2014 De-Risking als pauschale Beendigung oder Einschränkung ganzer Kundenkategorien, statt individuelle Risiken zu managen. Genau darin liegt der Kern: Nicht Prüfung im Einzelfall, sondern Rückzug im Block.
Das trifft Geldtransferdienste, NGOs in Konfliktgebieten, Korrespondenzbanken in schwach regulierten Jurisdiktionen, Krypto-Unternehmen und politische exponierte Personen. Unterschiedliche Fälle, gleiche Logik: Der Kunde wird teurer als die Beziehung.
Die Zahlen des Rückzugs
Der Rückzug ist kein Gefühl, sondern messbar. Weltweit sank die Zahl aktiver Korrespondenzbankbeziehungen zwischen 2011 und 2022 um rund 25 Prozent. Das zeigen SWIFT-, BIS- und FSB-Daten.
In der Karibik dokumentierte die Inter-American Development Bank schon 2016, dass über 50 Prozent der Banken in Belize, den Bahamas und der Östlichen Karibik Verbindungen verloren hatten. Im Pazifik meldeten Samoa, Tonga und die Marshallinseln Rückgänge von über 40 Prozent. Kleine Volkswirtschaften verlieren damit nicht Komfort, sondern Zahlungsinfrastruktur.
Besonders deutlich wurde das in Somalia. Als britische und US-Banken die Überweisungskorridore schlossen, mussten jährliche Remittance-Ströme in Höhe von 1,4 bis 2 Milliarden Dollar auf unsichere oder informelle Wege ausweichen. De-Risking verschiebt Geld nicht aus dem System. Es verschiebt es in dunklere Teile des Systems.
Was die Banken kalkulierten
Die großen Enforcement Actions der vergangenen Jahre haben diese Logik verschärft. HSBC, BNP Paribas, Deutsche Bank, Westpac: Jede Milliardenstrafe war auch ein Marktsignal an alle anderen Institute.
Die Botschaft lautet seitdem nicht, Risiken besser zu verstehen. Die Botschaft lautet: Wer Risiken behält, kann existenziell bestraft werden. Wer sie abstößt, muss sich selten rechtfertigen.
Wer abgeschnitten wird
Geldtransferdienste
In den USA berichteten 60 bis 70 Prozent der Money Service Businesses zwischen 2015 und 2018 von Schwierigkeiten, Bankkonten zu unterhalten. Operation Choke Point (2013-2017) – ein DOJ/FDIC-Programm – übte systematisch Druck auf Banken aus, Beziehungen zu “High-Risk”-Händlerkategorien zu beenden. Darunter legale Geschäfte: Geldtransferdienste, Zahltagskreditgeber, Waffenhändler.
Gemeinnützige Organisationen
Die Charity & Security Network dokumentierte 2019, dass 68 Prozent der US-basierten NPOs, die in Konfliktgebieten arbeiten, Kontoschließungen oder erhebliche Schwierigkeiten beim Bankzugang erlebten. World Vision, Mercy Corps und andere große humanitäre Organisationen berichteten von Bankzugangsproblemen in Syrien, Jemen und Gaza.
Ganze Bevölkerungsgruppen
Die Weltbank schätzte 2021, dass 1,4 Milliarden Erwachsene weltweit kein Bankkonto haben. De-Risking verschärft dieses Problem direkt. Globale Überweisungen an Niedrig- und Mitteleinkommensländer erreichten 2022 einen Wert von 656 Milliarden Dollar. Die durchschnittlichen Kosten für eine Überweisung von 200 Dollar nach Subsahara-Afrika: 7,8 Prozent – weit über dem UN-Nachhaltigkeitsziel von 3 Prozent. De-Risking ist ein wesentlicher Kostentreiber.
Krypto-Unternehmen
Nach dem Zusammenbruch von FTX im November 2022 beschleunigte sich das De-Banking von Krypto-Firmen. Signature Bank und Silvergate Bank, die beiden wichtigsten US-Krypto-Banken, kollabierten im März 2023 – teilweise unter regulatorischem Druck.
Das Paradox
De-Risking soll Geldwäsche verhindern. Aber es bewirkt das Gegenteil.
Der FSB warnte 2018 explizit: De-Risking “may force transactions into less transparent and more risky channels.” Der IWF schrieb 2016: “The curtailment of correspondent banking relationships may drive payment flows underground, where they are harder to monitor and regulate.” Der UN-Sonderberichterstatter für Terrorismusbekämpfung stellte 2017 fest: De-Risking “undermines the ability to track and intercept the financing of terrorism.”
Was passiert, wenn formale Kanäle schließen:
Hawala: Nachdem die formellen Bankkanäle nach Somalia geschlossen wurden, schätzte UNDP 2017, dass über eine Milliarde Dollar jährlich in informelle Hawala-Kanäle verlagert wurde. In Afghanistan laufen über 90 Prozent aller Finanztransaktionen über Hawala.
Krypto: Chainalysis dokumentierte 2023, dass die Krypto-Adoption am höchsten ist in Ländern mit eingeschränktem Bankzugang. Nachdem die nigerianische Zentralbank im Februar 2021 Banken den Service für Krypto-Börsen verbot, stieg das P2P-Krypto-Handelsvolumen innerhalb von Monaten um über 25 Prozent.
De-Risking reduziert nicht die Geldwäsche. Es verschiebt sie dorthin, wo niemand hinschaut.
Chatham House formulierte es 2017 prägnant: De-Risking erzeugt “a vicious cycle where reduced transparency leads to higher perceived risk, which leads to further de-risking.” Das Europäische Parlament bestätigte 2021 in einer Studie zur Karibik: De-Risking “has not reduced ML/TF but has increased costs, reduced transparency, and undermined financial inclusion.”
Was dagegen versucht wird
Die Regulierer wissen um das Problem. Die FATF betonte 2016 ausdrücklich, dass der risikobasierte Ansatz nicht zu pauschalem De-Risking führen soll. Die G20 forderten 2017 in Hamburg eine Bewertung der De-Risking-Auswirkungen. Die britische FCA schrieb 2017 einen “Dear CEO”-Brief, in dem sie warnte, dass De-Risking ohne Einzelfallprüfung selbst einen Compliance-Verstoss darstellen könne.
In der EU garantiert die Zahlungskontenrichtlinie (2014/92/EU) jedem legalen Einwohner das Recht auf ein Basiskonto. In Deutschland umgesetzt durch das Zahlungskontengesetz. Aber das gilt für Privatpersonen, nicht für Unternehmen oder NGOs.
Technologische Gegenmodelle entstehen: SWIFT KYC Registry, das Nordic KYC Utility Invidem, Blockchain-basierte KYC-Pilotprojekte der IDB in der Karibik. Aber sie ändern die Grunddynamik nicht: Solange die Strafe für Risikotoleranz höher ist als der Ertrag aus der Kundenbeziehung, ist De-Risking die rationale Entscheidung.
Was AMLA ändern könnte – und was nicht
Die AMLR (EU 2024/1624) adressiert De-Risking in Artikel 79: Verpflichtete dürfen Geschäftsbeziehungen nicht allein auf Grundlage einer Risikokategorie beenden, ohne eine individuelle Bewertung durchzuführen.
Das ist eine Verbesserung auf dem Papier. Ob es in der Praxis wirkt, hängt davon ab, ob AMLA tatsächlich Banken sanktioniert, die pauschal de-risken – und nicht nur jene, die zu wenig prüfen.
AMLAs harmonisierte Aufsicht könnte die “regulatorische Unsicherheit” reduzieren, die Banken zum defensiven De-Risking treibt. Einheitliche Standards bedeuten weniger Raum für Fehlinterpretation. Aber sie bedeuten auch weniger Spielraum für Proportionalität.
Für eine Volksbank in Kärnten und die Deutsche Bank soll künftig dasselbe Regelwerk gelten. Ob das De-Risking reduziert oder verschärft, wird sich zeigen.
Die Frage am Ende
De-Risking ist keine Compliance-Schwäche. Es ist eine Compliance-Konsequenz.
Banken handeln rational. Sie reagieren auf Anreize. Die Anreize sagen: Risiko abstoßen ist billiger als Risiko managen. Also stoßen sie ab.
Die Kosten trägt nicht die Bank. Die Kosten tragen 1,4 Milliarden Menschen ohne Bankkonto, Familien, die 7,8 Prozent ihrer Überweisungen an Gebühren verlieren, humanitäre Organisationen, die kein Konto mehr bekommen, und kleine Volkswirtschaften, deren einzige Dollar-Verbindung zur Welt gekappt wird.
De-Risking ist die teuerste Entscheidung im AML-System. Und sie taucht in keinem Compliance-Budget auf.
Nächste Folge: “Der Prävention-Industrial-Complex” – Berater, Vendoren, Aufsicht: Wer hat ein Interesse daran, dass Compliance komplex bleibt?
Serie: Die Ökonomie der Geldwäschebekämpfung
Episode: 03 / 07
Autor: Fincrime Watchdog
Stand: April 2026
Quellen:
- FATF, Guidance on Correspondent Banking Services (2016)
- World Bank, The State of Play in Correspondent Banking / De-Risking
- BIS/CPMI, Correspondent Banking Technical Report (2016)
- FSB, Correspondent Banking Workstream and Data Reports
- IMF, “The Withdrawal of Correspondent Banking Relationships: A Case for Policy Action” (2016)
- IDB, “The Economic and Social Impact of De-Risking on the Caribbean” (2016)
- EBA, Opinion on De-Risking (EBA/Op/2022/01)
- ODI, “De-risking by Banks in Emerging Markets”
- Oxfam, “Keep the Lifeline Open” / Somali Remittances
- UNDP Somalia publications on remittances and financial inclusion
- Chatham House, “De-risking and Financial Inclusion”
- European Parliament Think Tank, studies on de-risking and the Caribbean
- AMLR (EU) 2024/1624, insbesondere Artikel 79
- World Bank, Global Findex Database 2021
- Chainalysis, 2023 Global Crypto Adoption Index












