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Operation „Ancora“: Hawala-Netzwerke zwischen Strafverfolgung und Überregulierung

Titelbild zur beitrag: Operation „Ancora": Hawala-Netzwerke zwischen Strafverfolgung und Überregulierung

Im Mai 2025 schlugen österreichische Ermittler zu: Im Rahmen der Operation „Ancora“ verhafteten das Bundeskriminalamt, mehrere Landeskriminalämter und Europol sechs Verdächtige in Wien – fünf afghanische Staatsangehörige und einen russischen Staatsbürger. Der Vorwurf: Betrieb eines international vernetzten Schleppernetzwerks entlang der Balkanroute, finanziert über Hawala. Der Fall steht exemplarisch für eine Herausforderung, die EU-Strafverfolgungsbehörden seit Jahren beschäftigt: informelle Wertübertragungssysteme, die sich weitgehend jeder Kontrolle entziehen.

Was Hawala ist – und warum es Ermittler alarmiert

Hawala ist ein jahrhundertealtes, ursprünglich im islamischen Rechtsraum verankertes System für grenzüberschreitende Geldtransfers. Transaktionen erfolgen ohne physische Geldbewegung über ein Netz vertrauensbasierter Vermittler, sogenannter Hawaladars. Diese Eigenschaft macht das System für legitime Nutzer attraktiv – und für kriminelle Akteure missbrauchstauglich.

Laut dem Europol SOCTA 2021 (Serious and Organised Crime Threat Assessment – Money Laundering) entfallen schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Geldwäsche innerhalb der EU auf Hawala-Transaktionen, vorrangig aus Drogenhandel und Terrorfinanzierung. Besonders betroffen sind Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande. Europol beziffert das Volumen zerschlagener Netzwerke allein in den Jahren 2020 und 2021 auf rund 500 Millionen Euro.

Die FATF (Financial Action Task Force) beschreibt in ihrem 2023 veröffentlichten Bericht „Hawala: The Emergence of a Strategic Tool of Non-State Actors and its Implications for Preventive Measures“ das System als zunehmend attraktives Instrument für Terrorgruppen und kriminelle Organisationen, die damit gezielt Sanktionsregimes umgehen. In manchen Regionen deckt Hawala demnach bis zu 80 Prozent aller Geldtransfers ab – bei einer behördlichen Erfassungsquote von lediglich 1 bis 5 Prozent.

Für Deutschland schätzt die BaFin in ihrem Rundschreiben von 2022 („Risikobasierte Ansätze zur Überwachung informeller Zahlungssysteme (Hawala/Hundi)“) das Hawala-Volumen auf 2 bis 5 Milliarden Euro jährlich, bei über 50 aktiven Netzwerken. Eine Studie von Levi und Reuter im European Journal of Criminology (2023) kommt zu dem Befund, dass Hawala rund 90 Prozent der EU-Transaktionskontrollen umgeht – und dokumentiert einen deutschen Einzelfall aus dem Jahr 2022, in dem über ein solches Netzwerk 100 Millionen Euro gewaschen wurden.

Operation „Ancora“: Hawala im Dienst des Menschenschmuggels

Der Wiener Fall illustriert, wie Hawala-Strukturen in komplexe kriminelle Logistik eingebettet werden. Die Ermittlungen begannen Ende 2023 mit der Festnahme eines rumänischen Schleppers an der steirisch-slowenischen Grenze. In der Folge weiteten sich die Untersuchungen auf ein hierarchisch organisiertes Netzwerk aus, das Migranten von der Türkei über Südosteuropa nach Österreich und Deutschland transportiert haben soll.

Die finanziellen Dimensionen sind erheblich: Pro Schleppung zahlten Migranten laut Ermittlern zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Die Geldflüsse wurden über Hawala-Kanäle abgewickelt, um eine Rückverfolgung zu erschweren. Bei Hausdurchsuchungen sicherten 60 eingesetzte Beamte – darunter Einheiten von EKO Cobra und WEGA – Bargeld, Goldschmuck, Unterlagen zu internationalen Transaktionen sowie mehrere Terabyte an Daten aus Mobiltelefonen und Computern. Bislang wurden rund 150 Vernehmungen durchgeführt und 20 europäische Haftbefehle vollstreckt.

Die Verflechtung von Menschenschmuggel und Hawala ist kein Einzelphänomen. Der FATF-Bericht von 2020 (aktualisiert 2024) „Money Laundering and Terrorist Financing Risks and Vulnerabilities Associated with Gold“ zeigt, dass EU-Hawala-Netzwerke regelmäßig physische Vermögenswerte – darunter Edelmetalle – zur Verrechnung von Hawala-Schulden nutzen. Das Volumen der darüber abgewickelten Gelder wird auf 20 bis 50 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.

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Regulierung: Treffsicher oder kontraproduktiv?

Die Reaktion der Behörden ist ambitioniert – ihre Wirksamkeit jedoch umstritten. Die Europäische Kommission identifizierte 2024 im Rahmen des EU-Anti-Money-Laundering-Pakets („Report on Informal Value Transfer Systems“) über 300 aktive Hawala-Netzwerke in der EU. Die 6. Geldwäscherichtlinie (AMLD6) sieht Strafen von bis zu 10 Millionen Euro vor; Pilotprojekte zur Hawala-Überwachung laufen in Deutschland und Spanien.

Doch Kritik kommt aus mehreren Richtungen. Laut Europol (IOCTA 2023 sowie interne Schätzung 2022) gelten lediglich 5 bis 10 Prozent aller Hawala-Transaktionen als kriminell. Härtere Regulierung trifft damit vor allem legitime Nutzer: Diaspora-Gemeinschaften aus Pakistan, Somalia oder Afghanistan, für die Hawala oft die einzige erschwingliche Möglichkeit ist, Geld in die Heimat zu schicken – zu Gebühren von 1 bis 2 Prozent gegenüber bis zu 7 Prozent bei etablierten Anbietern wie Western Union.

Eine Studie von Unger et al. (Universität Utrecht, Journal of Financial Crime, 2021, „Hawala Networks in Europe: A Criminological Analysis“) auf Basis von 200 Fällen dokumentiert zudem, dass Hawala-Netzwerke EU-Staaten schätzungsweise 1,5 Milliarden Euro an Steuereinnahmen jährlich entziehen – und dass 70 Prozent der Transaktionen mangels technischer Überwachungskapazitäten unbemerkt bleiben.

„Overcompliance blockiert legitime Nutzung“ – so warnte bereits die FATF in ihrer Hawala-Guidance von 2016 vor unverhältnismäßigen Maßnahmen.

Eine EZB-Studie (ECB Occasional Paper No. 248: „Informal Funds Transfer Systems“) beziffert den Rückgang von Remittances durch strenge Regulierung auf bis zu 30 Prozent.

Fazit: Risikobasiert statt pauschal

Die Faktenlage zu Hawala in der EU ist komplex und widersprüchlich. Einerseits belegen Fälle wie die Operation „Ancora“ und die Zahlen von Europol und BaFin, dass informelle Überweisungsnetzwerke von kriminellen Organisationen systematisch missbraucht werden – für Geldwäsche, Menschenschmuggel und Terrorfinanzierung. Andererseits zeigen Europol-Schätzungen, wissenschaftliche Studien und EZB-Analysen, dass pauschale Regulierung unverhältnismäßig viele legitime Nutzer trifft, ohne die kriminelle Nutzung wirksam einzudämmen.

Die FATF selbst empfiehlt in ihrer Best-Practice-Guidance von 2024 einen risikobasierten Ansatz: obligatorische Registrierung von Hawaladars, gezielte Transaktionsüberwachung und Kooperation mit Community-Organisationen statt flächendeckender Kriminalisierung. Solange diese Differenzierung in der EU-Regulierungspraxis fehlt, riskiert die Strafverfolgung, das Phänomen weiter in den Untergrund zu treiben – mit absehbar gegenteiligem Effekt auf AML-Ziele.


Primärquellen:

  • Europol: SOCTA 2021 – Serious and Organised Crime Threat Assessment, europol.europa.eu
  • Europol: IOCTA 2023 – Internet Organised Crime Threat Assessment, europol.europa.eu
  • FATF: Hawala: The Emergence of a Strategic Tool of Non-State Actors and its Implications for Preventive Measures, 2023, fatf-gafi.org
  • FATF: Money Laundering and Terrorist Financing Risks and Vulnerabilities Associated with Gold, 2020 (aktualisiert 2024), fatf-gafi.org
  • FATF: Guidance for a Risk-Based Approach – Money or Value Transfer Services (Hawala), 2016, fatf-gafi.org
  • BaFin: Rundschreiben – Risikobasierte Ansätze zur Überwachung informeller Zahlungssysteme (Hawala/Hundi), 2022, bafin.de
  • Europäische Kommission: EU Anti-Money Laundering Package – Report on Informal Value Transfer Systems, 2024, europa.eu
  • EZB: Occasional Paper No. 248 – Informal Funds Transfer Systems, ecb.europa.eu
  • Unger et al. (Universität Utrecht): Hawala Networks in Europe: A Criminological Analysis, Journal of Financial Crime, 2021
  • Levi/Reuter: Informal Finance Systems and AML Compliance in the EU, European Journal of Criminology, 2023
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