Das große PEP-Erwachen — Teil III von III
Big Four · AMLR · Thought Leadership · Audit
Was die Big Four
verschweigen
Deloitte, PwC, EY und KPMG haben alle ein „AMLA Center“ — und alle vier geben im Wesentlichen dieselben fünf Empfehlungen. Dieser Artikel liest ihre Publikationen mit dem gleichen kritischen Blick, den ein guter Compliance-Prüfer auf eine Gap-Analyse richtet: Was steht drin? Was fehlt? Und wessen Interessen werden bedient?
Es gibt eine Faustregel in der Regulierungsberatung: Wer das Feuer löschen soll, hat wenig Interesse daran, seine eigene Brandprognose zu pessimistisch zu formulieren — aber auch wenig Interesse daran, das Feuer zu klein zu reden. Die Big Four haben ein professionelles Interesse daran, AMLR-Projekte zu verkaufen. Das ist legitim. Die Frage ist, was das mit der Qualität ihrer Thought-Leadership macht. Diese Analyse hat ihre öffentlich zugänglichen Publikationen gelesen. Das Ergebnis ist erhellend, manchmal überraschend, und in mindestens einem Fall einfach faktisch falsch.
Exhibit A: PwC und der Fehler, der noch online steht
Beginnen wir mit dem Einfachsten. Auf der deutschen PwC-Seite zum „AMLA Center of Excellence“ ist folgendes zu lesen:
„Die AMLA hat ihren Sitz in Frankfurt am Main und wird ihren Betrieb noch im Jahr 2024 aufnehmen, wobei die volle Leistungsfähigkeit für 2027 erwartet wird.“
Das ist kein Hinweis darauf, dass PwC schlechte AMLR-Beratung liefert. Es ist ein Hinweis darauf, dass Thought-Leadership-Content nach der Veröffentlichung oft nicht mit der gleichen Sorgfalt gepflegt wird wie ein Beratungsprodukt. Für einen Praktiker, der sich über die Regulierung informiert, ist das ein Problem.
Vier „Centers of Excellence“ — eine Empfehlungsliste
Alle vier großen Beratungshäuser haben eine dedizierte AMLA/AMLR-Landingpage eingerichtet, die sich dem Namen nach unterscheidet, dem Inhalt nach aber weitgehend nicht. Hier ist die Schnittmenge der Empfehlungen, die alle vier publiziert haben — wortgleich oder sinngleich:
| Empfehlung | Deloitte | PwC | EY | KPMG |
|---|---|---|---|---|
| Gap-Analyse gegen AMLR-Anforderungen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| CDD-Policy und -Prozesse aktualisieren | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| IT-Systeme und Datenpunkte anpassen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| EBA-RTS-Konsultationen verfolgen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| Schulungen für Mitarbeiter vorsehen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| Quantifizierung PEP-Portfoliozuwachs | — | — | — | — |
| FTE/Kostenkalkulation für AMLR-Mehraufwand | — | — | — | — |
| Kritik an eigenen Interessenkonflikten | — | — | — | — |
Die ersten fünf Zeilen sind sinnvoll. Die letzten drei Zeilen — alle leer — sind die Geschichte.
„Gap-Analyse, CDD-Update, IT-Anpassung, RTS-Monitoring, Schulungen. Das ist kein Thought Leadership. Das ist eine Checkliste, die man auch aus dem Amtsblatt der EU destillieren könnte — was tatsächlich jemand getan hat.“
Ruth de la Lucha, FinCrime Watchdog
Der Wortlaut-Test
Vier Firmen, vier Publikationen — man lese die Kernaussagen nebeneinander.
Die Scorecard: Was jede Firma richtig und falsch macht
Bewertet nach vier Kriterien: Faktentreue, Konkretheit, intellektuelle Ehrlichkeit, Nutzwert für Praktiker.
Warum EY die ehrlichste Publikation hat
EY verdient das A-Minus nicht für die besten Empfehlungen — die sind genauso generisch wie bei den anderen. Es ist die Bereitschaft, Fragen offen zu lassen, die der Rest der Branche lieber mit souveränen Handlungsempfehlungen überbrückt.
„While this article is intended to be exploratory and we won’t know all of the answers to the questions raised above in the near-term, an article delving into the AML Package and AMLR wouldn’t be complete without listing a few key steps practitioners can take.“
Was alle vier nicht schreiben — und warum
1. Konkrete Kostenzahlen
Kein einziges Big4-Papier enthält eine quantifizierte Schätzung des Compliance-Mehraufwands. Nicht in Stunden, nicht in FTE, nicht in Euro. Die Formulierungen sind durchgängig: „erheblicher Mehraufwand“, „signifikante Ressourcen“, „rechtzeitige Vorbereitung“. Die Zahlen, die wir in Teil 2 dieser Serie vorgerechnet haben — 112.000 Stunden Mehraufwand, 70 zusätzliche FTEs, 5,2 Millionen Euro TCO im ersten Jahr für eine mittelgroße Bank — publiziert niemand. Das ist kein Zufall. Wer die Kosten konkret benennt, riskiert, Mandate zu verlieren, weil Institute sagen: „Das klingt nach mehr, als wir bereit sind auszugeben.“
2. Der PEP-Zuwachs in Zahlen
Alle vier beschreiben die Erweiterung der PEP-Definition auf lokale Mandatsträger und Geschwister. Keiner rechnet vor, was das für ein konkretes Portfolio bedeutet. Die Schätzung aus Teil 1 dieser Serie — aus 1.000 PEP-Kunden werden je nach Institut 1.200 bis 2.000 — taucht in keiner Big4-Publikation auf. Stattdessen: „Die Definition wird deutlich ausgeweitet.“ Das ist wie ein Wetterbericht, der sagt: „Es wird viel regnen.“
3. Das Datenbankproblem
Eine der praktisch wichtigsten Fragen für jeden Compliance-Officer ist: Welcher PEP-Screeningdienst deckt die neuen lokalen Kategorien tatsächlich ab? Kein Big4-Haus publiziert eine Bewertung der Marktabdeckung der großen Datenanbieter. Das ist verständlich — ComplyAdvantage, Refinitiv und Dow Jones sind potenzielle Kooperationspartner oder Mandanten. Aber es ist eine Lücke, die Praktiker direkt trifft.
4. Die Frage, die sich niemand stellt
Die gleichen Firmen, die heute AMLA-Readiness-Assessments verkaufen, haben vor drei Jahren AMLD5-Umsetzungsprojekte verantwortet. Wurden die Portfolios damals korrekt klassifiziert? Sind PEPs, die 2022 ongeboardet wurden, korrekt identifiziert worden? Diese Frage stellt keiner — weil die Antwort unangenehm sein könnte.
Die Big Four verdienen auf beiden Seiten dieser Regulierung. Sie beraten Banken bei der Umsetzung — und sie prüfen als Wirtschaftsprüfer die Wirksamkeit derselben Maßnahmen im Jahresabschluss. Deloitte fasst es auf seiner Website ungewollt treffend zusammen: „Wir helfen Unternehmen durch Optimierung von Prozessen, robuste Compliance-Strukturen und modernste Software-Lösungen, Finanzkriminalität gezielt vorzubeugen.“
Das ist legitimes Geschäft. Aber es erklärt, warum ihre Thought-Leadership systematisch in eine bestimmte Richtung verzerrt ist: Komplexität betonen, Handlungsbedarf kommunizieren, eigene Lösung anbieten. Was fehlt, ist die Antwort auf die Frage: Für wen lohnt sich ein Big4-Mandat — und für wen nicht?
Für wen ein externes AMLR-Mandat Sinn ergibt — und für wen nicht
| Institutstyp | Big4-Mandat sinnvoll? | Begründung |
|---|---|---|
| AMLA-Direktaufsichtskandidat (grenzüberschreitend, 6+ MS) |
Ja — dringend | AMLA-Supervisory-Methodology, 100+ Datenpunkte, konzernweite Harmonisierung — das ist ein echter Transformationsauftrag. |
| Große deutsche Geschäftsbank (national, MaRisk-geübt) |
Bedingt | Gap-Analyse intern sinnvoll; externe Validierung für BaFin-Prüfung hilfreich. Aber kein Vollmandat nötig. |
| Regionalbank / Sparkasse (Kommunalbezug, GwG-geprägt) |
Selektiv | Kommunales PEP-Mapping und Screening-Evaluation — ja. Großes Transformationsprojekt? Oft Overkill. Verbands-Lösungen (DSGV, BVR) effizienter. |
| FinTech / Zahlungsinstitut (API-first, kleines Team) |
Eher nein | Big4-Tagessätze übersteigen häufig das Compliance-Budget. Boutique-Beratungen mit RegTech-Expertise oft besser geeignet. |
Das Ende der Serie — und was bleibt
Diese dreiteilige Serie hat versucht, das zu tun, was Big4-Thought-Leadership nicht leistet: konkret rechnen, unangenehme Fragen stellen und Interessenkonflikte benennen. Teil 1 hat vorgerechnet, dass der PEP-Begriff in Deutschland von ~3.500 auf ~31.000 Funktionsträger wächst. Teil 2 hat die Kostenkonsequenz für eine mittelgroße Bank beziffert: 112.000 Stunden Mehraufwand, 70 FTEs, 5,2 Millionen Euro. Teil 3 hat gezeigt, dass die vier größten Beratungshäuser der Welt diese Rechnung nicht öffentlich machen — aus strukturellen Gründen, nicht aus Unvermögen.
Was bleibt: Der 10. Juli 2027 ist ein festes Datum. Die Vorbereitung braucht kein externes Mandat — aber sie braucht ein ehrliches Bild der Größenordnung. Das liegt jetzt auf dem Tisch.












