Executive Summary: Eine Behörde im Kreuzfeuer
Die erste öffentliche Anhörung der neu geschaffenen Anti-Geldwäsche-Behörde (AMLA) am 24. März 2026 hat einen beispiellosen regulatorischen Sturm entfacht. Anstatt der erhofften europäischen Harmonisierung zeichnet sich ein tief fragmentiertes Bild ab. Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande erheben ebenso schwere Einwände gegen die neuen regulatorischen technischen Standards (RTS) wie die Spitzenverbände der europäischen Finanz- und Rechtswirtschaft. Von der European Banking Federation (EBF) über EFAMA bis hin zum Anwaltsverband CCBE lautet der einhellige Vorwurf: Die AMLA zerstört den risikobasierten Ansatz zugunsten einer „Tick-the-Box“-Bürokratie. Die Frist zur finalen Stellungnahme am 8. Mai 2026 wird zur Zerreißprobe für die europäische Finanzaufsicht.

1. Die Anhörung: 272 Datenpunkte am Rande des Wahnsinns
Am 24. März 2026 fand in Brüssel die erste öffentliche Anhörung der AMLA zu zwei zentralen Entwürfen für regulatorische technische Standards statt (Artikel 19(9) und 28(1) der Verordnung (EU) 2024/1624). Was als Routine-Konsultation zu Customer Due Diligence (CDD) und Geschäftsbeziehungen startete, endete in einer fundamentalen Abrechnung.
Die European Banking Federation (EBF) brachte das Problem auf den Punkt: Die Vorgabe, künftig 272 spezifische Datenpunkte zur Risikobewertung erfassen zu müssen, sei operativ untragbar. Die EBF warnt vor „Gold-Plating“ (Übererfüllung von Standards durch nationale Aufseher) und fordert eine Abkehr von der reinen Formular-Compliance hin zu einer „intelligence-led strategy“.
2. Die Mitgliedstaaten: Präzisionsfeuer gegen übermäßige Bürokratie
Deutschland: Löschung von Artikeln gefordert
Deutschland, maßgeblich vertreten durch Stellungnahmen und das Einwirken von Akteuren wie der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), zielt chirurgisch auf die Schwachstellen der RTS-Entwürfe (EBA Response ID 92756):
- Artikel 5(3)(b)(iii): Die starren quantitativen Kriterien passen nicht zur Realität des deutschen Versicherungssektors. Eine 1:1-Übertragung der Banken-Logik führt hier zu systematischen Fehlklassifizierungen.
- Der Phantomartikel 11: Deutschlands schärfste Kritik richtet sich gegen Artikel 11 (Definition komplexer Unternehmensstrukturen). Da es dafür kein explizites Mandat in der Verordnung gäbe, lautet die radikale Forderung: Restlose Löschung des Artikels.
- Nationalitäts-Nachweis: Zusätzliche Nachforschungen zu multiplen Nationalitäten eines Kunden sollen nur bei konkretem Verdacht erfolgen, nicht als automatischer Generalverdacht.
Frankreich: Proportionalität in Gefahr
Die französischen Stakeholder, angeführt von France Assureurs und France Invest, warnen vor einer Rückkehr zum präventiven Kontrollstaat (vgl. AMF France):
- Für Produkte mit nachweislich niedrigem ML/TF-Risiko (wie bestimmte Lebensversicherungen) seien die vorgeschlagenen KYC-Maßnahmen für vereinfachte Sorgfaltspflichten (SDD) paradoxerweise strenger als aktuelle Standardanforderungen.
- Die pauschale Forderung nach privaten Wohnadressen für „Senior Managing Officials“ sei bei juristischen Personen disproportional, da diese leicht über Handelsregister verifizierbar seien.
Italien: Konflikt mit nationalem Recht
Italiens Industrie deckt in ihren Submissions direkte Rechtskonflikte auf: Das italienische System erlaubt bei niedrigem Risiko die Nutzung von Bestätigungserklärungen der Kunden. Die AMLA-Standards würden dies verbieten. Zudem fordert AMLA Pflichtangaben (z.B. Nationalität, Geburtsort), die auf Standard-Identitätsdokumenten in Italien (wie dem Führerschein) gar nicht zwingend aufgedruckt sind.
Niederlande: Der Systemwechsel
Die Nederlandse Vereniging van Banken (NVB) kritisiert fundamental, dass der Entwurf sich weg vom risikobasierten Geist hin zu einem präskriptiven, regelbasierten Ansatz bewege. Banken würden zu Abhak-Robotern gezwungen, insbesondere bei Non-Face-to-Face-Onboardings und der Datenbeschaffung für Zwischenunternehmen ohne direkte Geschäftsbeziehung.
3. Der Aufstand der Verbände: Finanzsektor vs. „Non-Financials“
Nicht nur Banken laufen Sturm. Das eigentliche Desaster der AMLA-Entwürfe ist die Gleichmacherei unterschiedlicher Sektoren.
Asset Manager: Originaldokumente fernab der Realität
Die EFAMA (European Fund and Asset Management Association) zerreißt die Entwürfe für ihre „übermäßig präskriptiven“ Maßnahmen. Besonders Artikel 5(5), der Original-Identitätsdokumente oder beglaubigte Kopien verlangt, sei im modernen, grenzüberschreitenden Asset Management völlig wirklichkeitsfremd. Zudem würden bestehende, funktionierende Industrie-Lösungen ignoriert.
Rechtsanwälte (CCBE): Der Rechtsstaat steht auf dem Spiel
Der Council of Bars and Law Societies of Europe (CCBE) sieht eine verfassungsrechtliche Bedrohung. Die AMLA-Befugnisse könnten zu einer indirekten Aufsicht über die anwaltliche Selbstverwaltung führen. Die Einmischung in Mandatsverhältnisse gefährdet das Legal Professional Privilege (Anwaltsgeheimnis). Vorgaben wie das kontinuierliche Screening von Kunden seien explizit nur für Banken gedacht und für die zehntausenden kleinen Kanzleien operativ unmöglich.
Wirtschaftsprüfer & Versicherungen
Accountancy Europe moniert, dass die Entwürfe exklusiv für Finanzinstitute geschrieben wurden. Es fehlen sektorspezifische Indikatoren; die Kriterien für Sanktionen seien zu weit gefasst und bedrohen kleine und mittlere Praxen. Insurance Europe warnt indes davor, dass neue Datenanforderungen mit der DSGVO und Solvency II kollidieren, und fordert einen Prüfrhythmus von drei Jahren (statt jährlich) für Niedrig-Risiko-Policen.
4. Action Items: Die 90-Tage-Frist läuft
Bis zum 8. Mai 2026 läuft die Frist. Wenn die AMLA diese breite Front an qualifizierter Kritik ignoriert, drohen rechtliche Anfechtungen vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH).
| Priorität | Maßnahme | Zeithorizont | Verantwortlich |
|---|---|---|---|
| Kritisch | Eigenes Feedback an AMLA einreichen | Bis 8. Mai 2026 | Compliance-Leitung |
| Hoch | Nationale Branchenverbände kontaktieren (DK, GDV, CCBE) | Sofort | Regulatory Affairs |
| Hoch | Gap-Analyse: Welche nationalen Standards kollidieren mit AMLA-RTS? | 30 Tage | Recht/Compliance |
| Mittel | Prozessanpassung: Vorbereitung auf Tick-the-Box-Compliance & die 272 Datenpunkte | 60 Tage | Operations / IT |
Fazit: Pragmatik oder Kontrollmonstrum?
Die AMLA steht am Scheideweg. Die massiven Einwände aus allen Himmelsrichtungen und Sektoren beweisen: One-Size-Fits-All funktioniert in der europäischen Geldwäschebekämpfung nicht. Ein Versicherer ist keine Bank, ein Anwalt kein Krypto-Broker. Wenn die Behörde den risikobasierten Ansatz durch einen starren, bürokratischen Datenfetischismus ersetzt, gewinnt am Ende nur einer: Die Organisierte Kriminalität, während sich Europas Wirtschaft in Formularen verheddert.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde am 26. März 2026 auf Basis der offiziellen Konsultationsdokumente der Europäischen Union und der veröffentlichten Stellungnahmen der nationalen und europäischen Branchenverbände recherchiert und erstellt.
Quellenverzeichnis & Referenzen
- AMLA Konsultationen & Anhörung: Offizielles Portal der AMLA zur öffentlichen Anhörung (24.03.2026) | Draft RTS Customer Due Diligence
- Europäische Banken (EBF): EBF Response to EBA/AMLA Consultation
- Asset Management (EFAMA): EFAMA Consultation Reply
- Versicherungswirtschaft (Insurance Europe): Insurance Europe Position Paper
- Rechtsanwälte & Notare (CCBE): CCBE Response to EBA/AMLA RTS (PDF)
- Wirtschaftsprüfer (Accountancy Europe): Accountancy Europe Response to Draft RTS
- Niederlande (NVB): NVB Reaction to Draft RTS (PDF)
- Nationale Einwände (DE/FR/IT): EBA Response Database (German Industry, ID 92756) | AMF France Consultation Note












